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Krippenkunst

Die Krippenkunst war in den böhmischen Ländern stark verbreitet. Und ebenso vielfältig wie die böhmischen Länder ist auch die Krippenkunst der verschiedenen Regionen, die im Folgenden anhand einiger Beispiele vorgestellt wird.

Grulicher Kastenkrippe um 1900, Foto: Manfred Gischler
Grulicher Kastenkrippe um 1900 (Adlergebirge)

 

Die Anfänge des Krippenbaus im „Grulicher Ländchen“ im Adlergebirge fallen in die Zeit vor den Schlesischen Kriegen. Im Rahmen der damals vorhandenen staatlichen Zusammengehörigkeit, im Spannungsfeld zwischen Katholizismus und Protestantismus, im Grenzbereich deutscher und slawischer (polnischer, tschechischer und slowakischer) Kultur, wuchs hier allmählich eine einheitliche Krippenlandschaft. Drei Krippentypen waren im Grulicher Ländchen vorherrschend: die Kastenkrippe, die Stufenkrippe und die Eckkrippe. Die Kastenkrippen waren deutlich vom Rokoko her geprägt, doch hielt sich bei ihnen am längsten ein Stück Volksbarock. Der Höhepunkt ihrer Herstellung lag zweifellos zwischen dem Empire und dem Biedermeier. Zentren der Erzeugung waren neben Grulich und Wichstadtl noch Reichenau und Rokitnitz.

Quelle: Reinhard Ungersböck – Kulturbrief der SL 2013

Weihnachtskrippe aus Grulich, Foto: Johannes Schimpfhauser
Weihnachtskrippe aus Grulich/Králíky (Adlergebirge)

 

Die kleine Weihnachtskrippe aus dem Adlergebirge wurde dem Sudetendeutschen Museum von einer gebürtigen Grulicherin gespendet. Sie besteht neben dem Geburtsstall aus zahlreichen bemalten Holzfiguren. Im Grulicher Ländchen entfaltete sich seit dem 18. Jahrhundert eine beachtliche Holzschnitzerei, zu der später die Verarbeitung einer selbsterzeugten Papiermasse kam. Diese Gegend exportierte alljährlich Hunderttausende von Krippenfiguren in die Slowakei, nach Polen und nach Ungarn. Ihre Erzeugnisse gingen aber auch über die Firma Kohn in Teplitz-Schönau als „Erzgebirgsware“ nach Westeuropa und Amerika. Die Spielwarenfirma Kober in Wien exportierte sie, nachdem sie durch Wiener Heimarbeiter zu Kleinkrippen zusammengestellt worden waren, als „Wiener Krippen“ nach Südost-Europa. Man fand sie auch in allen anderen sudetendeutschen Krippenbaugebieten. Diese scheinbare Anonymität war charakteristisches Wesensmerkmal der „Grulicher Mannl“. Einen wichtigen Impuls für die Entwicklung der Grulicher Holzschnitzerei gab sicherlich die berühmte Wallfahrt zum Muttergottesberg mit dem sich dort entwickelnden Devotionalienhandel, der eine genügende Abnahme durch die Wallfahrer gewährleistete.

 

Klaus Mohr, M.A. Sammlungsleiter des Sudetendeutschen Museums

Krippenlandschaft aus Iglau, Foto: Prof. Günter Krejs
Weihnachtskrippe aus Iglau

 

Die Iglauer Krippenkunst hat eine lange Tradition. Manche Familien besaßen äußerst umfangreiche und künstlerisch wertvolle Weihnachtskrippen. Eine solche ließ auch der Iglauer Buchbinder Ignaz Vorreiter im Jahre 1884 anfertigen. Er konnte nicht ahnen, welche Wege diese Krippe in den folgenden 135 Jahren zurücklegen sollte. Um 1930 wanderte Ignaz Vorreiters Sohn Ernst in die USA aus. Seine Krippe nahm er jedoch nicht mit, sondern brachte sie bei einem Bekannten in Wien unter. Rückblickend war es dieses frühe „Exil“, das die Weihnachtskrippe vor dem Schicksal so vieler anderer bewahrte, die nach 1945 durch Krieg und Vertreibung verlorengingen. Im Jahr 1938 kam die Krippe zurück in den Kreis der Familie. Bis 1949 befand sie sich in Waidhofen an der Ybbs, danach in Krems an der Donau. 1979 erbte der Mediziner Professor Dr. Günter Josef Krejs, ein Urenkel Ignaz Vorreiters, die Iglauer Krippe. Mit Krejs, der 1975 nach Dallas (Texas) ausgewandert war, kam die Krippe nun doch noch in die USA. Eben dort erhielt sie neue künstlerische Impulse: In Dallas lernte Günter Krejs den aus Passau stammenden Schnitzmeister Ludwig Kieninger kennen. Gemeinsam erweiterten sie die Krippe um zahlreiche Figuren. 1994 kehrte die Iglauer Krippe wieder nach Österreich zurück. Heute ist sie ganzjährig in Krems an der Donau aufgestellt. In seiner Freizeit arbeitet Professor Krejs, seit 2018 Präsident der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste, weiterhin an neuen Krippenfiguren.

Egerer Kirchenkrippe, Foto: Egerland-Museum Marktredwitz
Egerer Kirchenkrippe

Das Egerland als eine der bedeutendsten Krippenlandschaften Böhmens kennt viele begnadete Holzschnitzer. Ihre Werke werden heute von Museen und Sammlern hoch geschätzt und gesucht. Zudem erfuhr nach der Vertreibung 1945/46 die Krippenkultur eine erneute Belebung. Vielfach konnten nur wenige Krippenfiguren aus der Hauskrippe im Gepäck mitgenommen werden. Umso mehr bewahrte man das Mitgebrachte als Erinnerung an die Heimat.

 

Auch die wertvollen geschnitzten und bemalten Figuren, die nach mündlicher Überlieferung aus einer alten Egerer Kirchenkrippe stammen, erfreuen sich im Egerland-Museum einer hohen Wertschätzung. Entsprechend werden sie als Inszenierung im Rahmen einer nachgestellten böhmischen Krippenlandschaft in der Dauerausstellung präsentiert.

 

Die Internet-Seite des Egerland-Museums Marktredwitz finden Sie unter: http://www.egerlandmuseum.de/

Mechanische Krippe, Foto: Prof. Dr. Ulf Broßmann
Mechanische Krippe in der Spanischen Kapelle von Neutitschein/Nový Jičín (Kuhländchen)

 

 Durch den Einfluss der Jesuiten gehörte das Kuhländchen um 1750 zu den krippenfreudigsten Gegenden Mährens und Schlesiens. So gab es in der Spanischen Kapelle in Neutitschein bereits 1765 eine Krippe mit kaschierten Figuren, die 1786 dem Krippenverbot von Joseph II. zum Opfer fiel. Nachdem die Spanische Kapelle 1860 wieder eröffnet worden war, schaffte man für 100 Gulden aus der Freiberger Gegend eine neue mechanische Krippe mit gefassten, holzgeschnitzten Figuren an. Die älteste erhaltene Figur eines liegenden Hirten ist signiert mit dem Namen des Schnitzers Johan Görig und der Jahreszahl 1889. 1910 wurde die Krippe erweitert und 1919 kaufte man die Stadtarchitektur. Bis 1945 war die Krippe zur Weihnachtszeit in der Spanischen Kapelle zu sehen. Etwa ab 1960 wurde die Krippe von Neutitscheiner Krippenfreunden wieder aktiviert und die Landschaft betlehemitisch weiterentwickelt, ohne den historischen Bestand zu verändern.

Königliche Reiter
„Königliche Reiter“ von Franz Xaver Schütz aus Schluckenau (Böhmisches Niederland)

 

Schluckenau im Böhmischen Niederland war ein Zentrum sudetendeutscher Krippenkunst. Erste Krippen gab es dort bereits im 17. Jahrhundert. Ihre charakteristische Form erhielt die Niederland-Krippe allerdings erst nach 1800. Wichtige technische Impulse brachten zunächst wandernde Schnitzer aus dem Südtiroler Grödnertal, die zwischen 1818 und 1836 in Schluckenau tätig wurden. War deren Stil noch alpenländisch geprägt, so nahm die Niederland-Krippe schließlich orientalische Formen an. Entscheidend für diesen Wandel waren der Maler Joseph von Führich (1800–1876) und die Künstlergruppe der Nazarener. Führich lebte nach 1848 einige Zeit in Schönlinde im Niederland. Während dieser Phase schuf er zahlreiche Krippenbilder und Figurengruppen, die als „Führichgruppen“ bekannt wurden. Dem romantischen Kunstverständnis der Nazarener folgend, verortete Führich das weihnachtliche Geschehen – historisch korrekt – im Nahen Osten der Zeitenwende. Die Führichgruppen wirkten als Vorbild stilbildend für die niederländische und die böhmische Krippenkunst im Allgemeinen. Als einer der letzten bedeutenden Krippenschnitzer in Nazarener Tradition galt Franz Xaver Schütz (1907–2000) aus Schluckenau. Schütz fertigte zahlreiche Kirchenkrippen und war daneben auch als Bildhauer in Stein tätig. Um 1950 schuf er die „Königlichen Reiter“, die sich heute in Privatbesitz befi nden.

Weihnachtskrippe des Krippenkünstlers Patrick Ernst, Foto: Jörg-P. Schilling
Weihnachtskrippe des Krippenkünstlers Patrick Ernst (Böhmisches Niederland)

Zu den Niederländer Krippenkünstlern der Vorkriegszeit zählte Rudolf Brämer aus Schönborn bei Warnsdorf. Nach der Vertreibung gab er seine Fertigkeiten an seinen Urenkel Patrick Ernst weiter, der die Tradition seitdem fortführt. In seiner Werkstatt in Naumburg an der Saale fertigt der als „Krippen-Ernst“ bekannte Künstler nebenberuflich Krippen und Figuren im Niederländer Stil. Der Experte für böhmische Krippenkunst vermittelt seine Kenntnisse auch in Vorträgen und auf Messen.    

Weihnachtskrippe aus Königsberg an der Eger, Foto: Johannes Schimpfhauser
Weihnachtskrippe aus Königsberg an der Eger/Kynšperk nad Ohří (Egerland)

 

Diese Weihnachtskrippe aus den Sammlungen des Sudetendeutschen Museums ist um das Jahr 1880 in Königsberg an der Eger entstanden. Ihr Schrein ist an drei Seiten verglast und lässt sich an der Frontseite öffnen. Was sie aber zu einer kunst- und kulturhistorischen Rarität macht, ist das Innere. Dargestellt ist dort ein Berg, der oben die Stadt Jerusalem mit zahlreichen Türmen trägt. Die einzelnen Gebäude sind fein geschnitzt und unbemalt. Der Berg selbst ist aus Holz, Baumrinde und Schlacke gefertigt und mit Moos und Flitterglas bedeckt. Die Grotten im Fuß des Berges, und dies ist eine Spezialität der Königsberger Krippen, sind durch eingebaute Spiegelgläser indirekt beleuchtet. In der linken Grotte befinden sich einige Schafe. In der rechten Grotte ist die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies dargestellt. Dies ist eine weitere Besonderheit der Königsberger Krippen: Der Sündenfall der Menschen steht direkt neben der durch die Geburt Christi möglich gewordenen Erlösung. Denn zwischen den beiden Grotten ist der Geburtsstall platziert mit der Heiligen Familie, den Heiligen Drei Königen, den Hirten und natürlich Ochs und Esel. Das Außergewöhnlichste der Königsberger Krippen sind aber ihre Figuren. Diese hier enthält 140 Stück. Möglich ist dies überhaupt nur wegen der sehr geringen Größe der Einzelfiguren, die nur wenige Zentimeter hoch sind. Umso erstaunlicher ist die große Detailtreue der filigranen Darstellungen, vom Faltenwurf der Gewänder bis hin zu den Gesichtszügen und zur Haartracht. Die Figuren sind aus dem Holz des Pfaffenhütchens geschnitzt und unbemalt. Geschaffen wurden sie von Laienschnitzern mit selbst gemachten Werkzeugen.

Klaus Mohr